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Hocherotisches Verwirrspiel - "Hochzeit des Figaro" in einer bezaubernden Inszenierung am Stadttheater

"Mich interessiert, woher wir kommen und wohin wir wollen."

Hocherotisches Verwirrspiel - "Hochzeit des Figaro" in einer bezaubernden Inszenierung am Stadttheater

Rücken an Rücken, die Handflächen aneinander, ein heimlicher Blick, ein unbeherrschter Kuss, unter der Regie von Wolfram J. Starczewski wird Mozarts „Hochzeit des Figaro“ ein hocherotisches Verwirrspiel im zeitlosen Raum. Starczewski blendet die bisherige Rezeptionsgeschichte aus, lässt Aspekte gesellschaftlicher Höher- und Unterordnung weg und richtet den Fokus allein auf das Wesen der Liebe. Mozart hätte seine Freude an dieser Inszenierung am Stadttheater in Landshut.

Aus den drei Flügeltüren stürzen die Darsteller traumatisiert herein, fallen zu Boden und wachen auf wie in einem Traum. Ein wunderbar kurzweiliges Spiel um die Liebe beginnt, in dem die Frauen Oberwasser bekommen. Unter dem kühlen Blau der Kleider lodern entfachte Herzen und schlagen in blaugrüner Sommernacht, die hinter weißen Nelkentöpfen durch Glaswände flutet, Kapriolen (Bühne und Kostüme: Claudia Glaser).

Liebestrunken wie Cherubino (Sabine Noack), der von seinen erotischen Gefühlen gegenüber Frauen schlichtweg überfordert ist, oszillieren Contessa (Frédérique Friess) und Susanna (Illonka Vöckel) zwischen dem Grafen (Kyung Chun Kim) und Cherubino bzw. Figaro (Peter Tilch) und dem Grafen. Treue rückt in den Hintergrund. Prickelnde Erotik heißt die Losung, von Amor willkürlich entfacht, in einem ausgesprochen koketten Fandango mit Flamenco-Attitüde tänzerisch effektvoll umgesetzt (Choreographie: Petra Österreicher) und an den Bruchstellen der Rezitative schauspielerisch frech ironisch interpretiert. Der Erotisierung des Augenblicks können sich Contessa und Susanna genauso wenig wie Cherubino entziehen. Zwischen selbstversunkener Verliebtheit und Situationskomik entsteht ein hinreißend poetisches Spiel um die Flüchtigkeit erotischer Verliebtheit und im Moment des geordneten Happyends dreier Paare beginnt man die Erotik zu vermissen und zu ahnen, dass der Zustand der Ordnung nicht lange wird anhalten können.

Basil H. E. Coleman bringt das Regiekonzept musikalisch kraftvoll und nuanciert zum Schwingen, entdeckt unter der erotischen Leichtigkeit der Melodien Mozarts Tiefgründigkeit begehrlicher Sehnsucht. Colemans Konzept, den „Figaro“ ohne Striche zu spielen, also mit den ausdrucksstarken Arien Marcellinas und Basilios, überzeugt. Beide Figuren bekommen so dramaturgisch wesentlich mehr Gewichtung.

Alle Rollen sind optimal besetzt. Der Chor fügt sich nahtlos ein. Die Sänger intonieren in Bestform, unangestrengt, gefühlvoll, mit vokaler Aura und facettenreicher schauspielerischer Präsenz. Sie finden in den Duetten und Tutti optimal zusammen und sorgen auch in den kleineren Rollen für sängerische Höhepunkte: Bartolo (Evert Sooster), Marcellina (Katrin Lehismets), Basilio (Albertus Engelbrecht), Barbarina (Theresa Krügl) und Antonio (Oscar Imhoff).

Szenenapplaus ohne Ende und viele Bravos für einen neu entdeckten „Figaro“.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 10.3.10