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Wolfram J. Starczewski

"Mich interessiert, woher wir kommen und wohin wir wollen."

Als System basiert Gesellschaft auch auf gemeinschaftlichen Ritualen. Doch was, wenn es bloß noch diese Rituale und kein zwischenmenschliches Miteinander mehr gibt?

Diese Frage stellt Maxim Gorkijs Stück „Kinder der Sonne“, das am Samstag in einer Inszenierung von Wolfram J. Starczewski am Stadttheater hatte. Gorkij geht es darum, eine Gemeinschaft zu zeigen, die im Grunde nichts mehr zusammenhält außer hohl gewordenen Ritualen wie das gemeinsame Teetrinken. Für sein soziales Experiment pfercht der Russe zehn Akteure zusammen, um sie miteinander zu konfrontieren. Rein äußerlich wird diese Gruppe durch ein Verwandtschaftsnetzt zusammengehalten. Schnell wird klar, dass eigentlich eine große Beziehungslosigkeit herrscht uns sich jeder nur für seine Angelegenheiten interessiert. Bricht doch mal echte Emotion ins Leben ein, lässt die zwischenmenschliche Inkompetenz Panik und Katastropheni entstehen.

Kurzum, Gorkijs bitterböse Gesellschaftssatire zeigt eine Bande von Narzissten, die ihr erzwungenes Zusammenleben durch Rituale und ein hohes Maß an weitgehend selbstentstellender Contenance garantiert – beides hat das Ensemble glänzend umgesetzt. Allen voran Milan Pešl als Hausherr Pawel Protassow, der nicht wirklich bösartig, aber zutiefst menschenscheu, sozial inkompetent und fanatisch wissenschaftsgläubig ist. Emotionaler Kontakt ist nichts für Pawel, der sich vor der fast kindlichen Lieben von Melanija (Mirjam Sommer, rührend) in die Bücherwelt flüchtet. Und im Grunde auch nicht für seine Frau, die Carolin Weber reizend aufmüpfig spielt. Sie benutzt, die Liebe des Malers Wagin (Roman Kurtz sehr gut als träumerischer Künstler), um die Leidenschaft ihres Mannes zurück zu gewinnen. Man darf durchaus von Missbrauch des anderen sprechen, auch im Fall von Pawels Schwester Lisa, die Ana Kerezovic gekonnt als flatterhaftes, mit Weltschmerz kokettierendes Mädchen spielt. Pikant: Sie genießt die Werbungen des unsicheren Boris als Selbstbestätigung – Vincenz Türpe sehr authentisch –, um sich der daraus erwachsendes Verantwortung für den anderen erst viel zu spät zu stellen.

Auch Jegor – Rainer Hustedt erfrischend unbedarft – ist nicht besser: Er prügelt seine Frau. Flankiert wird die Gruppe von Fima (Anne-Elise Minetti, herzerfrischend mürrisches Dienstmädchen), Nasar (Pascal Thomas gekonnt als eiskalter Kapitalist) und Kindermädchen Antonowna (Petra Soltau).

Schon darstellerisch kommt die Botschaft Gorkijs, der Gesellschaft als ritualisierte, beziehungslose Ansammlung von Egomanen karikiert, richtig gut rüber. Verstärkt wird der Effekt durch das Bühnenbild Lukas Nolls: Sein Raum zerfällt nach und nach, was die Bedrohung der Gemeinschaft durch äußere Gefahren wie Epidemien symbolisiert.

Fazit: Starczewski ist eine rundum stimmige Inszenierung gelungen, bei der von der schau-spielerischen Leistung über die Bühne bis hin zu den Kostümen (Noll) alles stimmt.

Stephan Scholz, 05. März 2013, Oberhessische Zeitung Marburg

Wolfram J. Starczewski inszeniert Maxim Gorkis »Kinder der Sonne« am Stadttheater als zeitlose, unterhaltsame Mahnung. Lukas Noll punktet mit einem genial-durchdachten Bühnenbild.

Starczewski (…) verlegt das Spiel vom russischen Intelligenzija-Milieu mitten hinein in die alte Bundesrepublik. Diffus bleibt die Bedrohung, die die Sonnenkinder so hilflos ignorieren. Es ist eben nicht mehr wie im Original die Cholera und das aufgebrachte Proletariat, sondern irgendeine Krise, wie sie auch uns tagtäglich überrollt: Eurokrise, Klimawandel, Pferdefleischskandal, Bioeier. Ein kurzer empörter Aufschrei und dann verdrängen auch wir heutigen Kinder der Sonne schnell wieder die Gefahr, tanzen weiter auf dem Vulkan. Die Parole lautet: »Weitermachen!«

Gorkis Figuren haben hohe Ansprüche an das Leben, wollen die Welt zumindest theoretisch verbessern – und kreisen doch nur um sich selbst. »Wir dürfen keine Angst haben« beschwören sie auch dann noch, als das da Draußen in das Innere, ihre Höhle eindringt. Lukas Noll hat dafür ein geniales Bühnenbild entworfen. Stück für Stück krachen Wände ein und am Ende sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Und selbst dann noch heißt es für die Sonnenkinder nur: »Tee oder nicht Tee, das ist hier die Frage.«

Milan Pešl spielt den Forscher Pawel, der sich in seinem Elfenbeinturm der Welt entzogen hat, als zappelig-naiven Utopisten, der das Gute will und doch das Scheitern seiner Kaste nicht verhindern kann. Beinahe verliert er seine Frau Jelena – von Carolin Weber als latent aggressive, frustrierte Frau charakterisiert – an den Maler Wagin, den Roman Kurtz in übertriebener Künstlerpose spielt. Und auch die Verliebtheit der dümmlichen Milenja (Mirjam Sommer), die sich ihm wie ein Groupie an den Hals wirft, ist für Pawel zu viel der Wirklichkeit. Da steckt er doch lieber seine Nase in seine Aufzeichnungen. Pawels Schwester Lisa kann Ana Keresovic eine wohltuend unlächerliche Färbung geben. Hinter ihrem mädchenhaften Gebahren verbirgt sich tiefer Schmerz, dessen Ursache allerdings im Ungewissen bleibt. Kassandrahaft warnt sie die Kinder der Sonne: »Ihr ignoriert alle anderen, das wird euch vernichten« und treibt gleichzeitig mit ihrer Unentschlossenheit den sie liebenden Tierarzt Boris (Vincenz Türpe gibt ihn als grausamen Zyniker) in den Selbstmord.

Als Einzige heil aus der Sache heraus kommt das Dienstmädchen Fima (Anne-Elise Minetti), dessen Rolle Starczewski deutlich erweitert hat. Die kodderschnauzige Hausangestellte mit Barbarella-Outfit kann, weil das grantige Kindermädchen Toni (Petra Soltau) unerwartet Herz zeigt, das Heim der Kinder der Sonne verlassen und sich eigenverantwortlich durchs Leben schlagen. Rainer Hustedt ist als grobschlächtiger, prügelnder Handwerker Jegor zu sehen und vervollständigt damit das äußerst knappe Proletarier-Personal dieser Inszenierung. Pascal Thomas mimt als Hausbesitzer Nasar, quasi als gesellschaftlichen Gegenentwurf, den kapitalistischen Zopfträger in Businessman-Verkleidung, der den Wert alles Lebens nur in barer Münze misst.

Starczewski lässt gut zwei Stunden lang die Kinder der Sonne ihre makabre, aber unterhaltsame Nabelschau zelebrieren. Gorkis Stück zeigt er, entstaubt vom russischen Flair und mit komischen (Tanz)einlagen, als zeitlose Mahnung, dass unser aller Spiel am Abgrund keine Lösung der Probleme ist. Da bleibt das Lachen schon mal im Halse stecken – oder der Applaus weniger enthusiastisch als verdient.

Karola Schepp, 04.03.2013, Gießener Allgemeine Zeitung