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Wolfram J. Starczewski

"Mich interessiert, woher wir kommen und wohin wir wollen."

Regisseur Wolfram J. Starczewski beschwört in seiner psychologisch dicht ausgeleuchteten Inszenierung des Stücks der Irin Marina Carr die Geister der Vergangenheit.

Es gilt, eine Entdeckung zu machen. Die Irin Marina Carr (Jahrgang 1964) zählt zwar daheim zu den bekanntesten britischen Gegenwartsautorinnen, doch bislang wurden ihre Werke in Deutschland nur wenig aufgeführt. Völlig unverständlich, wie die grandiose Premiere des packenden Dramas »Am Katzenmoor« in der brillanten Inszenierung von Wolfram J. Starczewski am Samstagabend im Stadttheater beweist. Carr versteht es meisterlich, ein Kaleidoskop verstörter Persönlichkeiten zu versammeln, von denen etliche in ihrer Vergangenheit etwas Schreckliches erfahren haben, sie deshalb auch in der Gegenwart unweigerlich in die Katastrophe rennen. Zudem sind die meisten noch familiär verbandelt und teilen dunkle Geheimnisse miteinander.

Für diese düstere Atmosphäre kreiert Hausbühnenbildner Lukas Noll wiederum einen faszinierenden Einheitsraum, der zugleich das Unheimliche einer Moorlandschaft im eisigen Winter widerspiegelt, wie auch im zweiten Akt einen hell erleuchtenden Platz für die Hochzeitstafel bietet. In wechselndem Licht von kaltem Weiß bis zu frostigem Blau-Lila lässt Noll es friedlich romantisch schneien, völlig überraschend aber beendet er das ausgelassene Fest mit einem absolut scheußlichen Unwetter, getreu des britischen Spruchs: »It’s raining cats and dogs.« Immer wieder macht sich zur stimmungsvollen Musik von Volker Seidler Nebel breit, verleiht der unwirtlichen Gegend mit ihren hölzernen Markierungen den Charakter eines Friedhofs. Das Moor als Grabstätte, aus der die Toten unruhig auferstehen, um Klarheit in das grauenvolle Geschehen zu bringen. Lästige Geister der Vergangenheit, die schließlich nur unangenehme Fragen stellen.

Am Rande dieses Moors haust die Außenseiterin Hester Swane, eine vom Leben gezeichnete, verbitterte Frau um die vierzig, die als Siebenjährige von ihrer Mutter verlassen und an den Wohnwagen gekettet wurde, seitdem aber immer noch auf deren Rückkehr wartet. Carolin Weber spielt ergreifend. Ihre Darstellung geht durch Mark und Bein, lotet Grenzen aus. Die wohl gesetzten Wutausbrüche lassen die Verzweiflung dieser von der Gesellschaft gnadenlos ausgegrenzten Person mit großer Erschütterung spüren. Dabei sehnt sich Hester nur nach Zuneigung und Verständnis. Doch als sie den Mann, mit dem sie 14 Jahre lang eine Beziehung verband, an eine Jüngere verliert, und sie begreift, dass dieser ihr nicht nur das Haus, sondern auch die gemeinsame siebenjährige Tochter Josie wegnehmen will, ist die Katastrophe unausweichlich.

Es gibt zwei Stars an diesem umjubelten Premierenabend: Der eine ist der gestandene Profi Weber, der andere die neunjährige Runa Niedecken, die mit einer solcher Anmut und Unbekümmertheit die kleine Josie verkörpert, dass es jedes Zuschauerherz rührt. Durch ihre direkte unverblümte Art lockt sie die Erwachsenen immer wieder aus der Reserve, sorgt häufig für ein befreiendes Schmunzeln im Publikum und ist dabei auch noch erstaunlich textsicher. Da die Begabung wohl in der Familie liegt, darf man gespannt sein, wie Runas ältere Schwester Kassandra, die sich mit ihr in der Rolle abwechselt, ihren Auftritt am 13. Februar meistert.

Bei aller Düsternis in dieser psychologisch dicht ausgeleuchteten Inszenierung von Starczewski: Es gibt auch was zum Lachen. Vor allem, wenn sich die skurrilen Figuren zur Hochzeit von Carthage und Caroline treffen. Da fehlt die ganz in Weiß aufgedonnerte Schwiegermutter von Regine Vergeen ebenso wenig wie der herrische Brautvater Harald Pfeiffers. Rainer Domke gesellt sich als leicht dementer Pfarrer hinzu. Marie-Louise Gutteck darf als eigensinnige Katzenfrau mit seherischen Fähigkeiten ebenfalls an der Tafel Platz nehmen, die von Petra Soltaus gut meinenden Nachbarin Monica vervollständigt wird.

Übermütig wagt man sogar ein Tänzchen (Einstudierung: Anthony Taylor), was bei dem nachgebenden Untergrund – wir sind ja schließlich am Katzenmoor – so seine Tücken hat.

Auf schwankendem Boden steht auch die Beziehung des Hochzeitspaares. Anne-Elise Minetti kämpft als Caroline mit allen Mitteln um ihren Bräutigam, bietet der gekränkten Widersacherin Hester sogar ihr Sparbuch an. Lukas Goldbach steht notgedrungen immer wieder zwischen den beiden Frauen, dabei hat sich sein Aufsteiger Carthage schon längst für die Geldheirat entschieden. Er und Hester teilen ein dunkles Geheimnis, in das Philipp Quest – und spätestens hier entwickelt sich das Stück zum Psychokrimi – als Geist von Hesters Bruder Joseph Licht bringt.

»Irgendjemand muss dafür bezahlen«, findet Hester, die damit den Mord an ihrem Bruder rechtfertigt. Am Ende wird sie ein Blutbad anrichten. Bei Marina Carr, der klugen irischen Dramatikerin, versteht man, warum jemand zum Mörder wird. Ein großartiges Theatererlebnis, ein starkes Stück!

Marion Schwarzmann, 03.02.2014